Langsam öffnete Sam seine Augen. Blinzelte schlaftrunken auf seine Donalduhr und sah,
dass der große Zeiger auf der sechs und der kleine Zeiger auf der zwei war.
Halb drei also, so hatte es ihm seine Mama erklärt.
Halb drei und ich muss Pipi! dachte Sam düster. Vielleicht kann ich es ja noch unterdrücken?
Bis morgen früh warten, wenn es nicht mehr so dunkel ist? Oder nach der Mama rufen?
Eigentlich bin ich ja schon alt genug um alleine Pipi zu gehen, schließlich bin ich ja schon acht! grübelte Sam. Auch wenn es nachts, dunkel und halb drei ist.
Unruhig wand er sich im Bett.
Schlug die Bettdecke zurück und streckte vorsichtig den rechten Fuß nach draußen.
Schnell zog er ihn wieder zurück unter die Decke. Kalt.
Sam ärgerte sich.Was bin ich doch für eine Memme! Es war ja nicht nur die Kühle, die
ihn daran hinderte das Bett zu verlassen. Nein, es war halb drei. Zu dieser Zeit wird aus
jedem Schatten an der Wand ein Monster, Vampir oder sogar ein Dämon. Selbst Freddie
Krüger war Sam schon bekannt.
Sam streckte wieder seinen Fuß hinaus und kniff seine Augen zusammen, hielt die Luft an
und wartete. Wartete, dass vielleicht eine eiskalte Hand seinen Zeh packte und nach unten
zog, oder ein Gnom unter dem Bett hervorspringt und seine spitzen Zähne in seinem Fuß
schlägt und mit einen Bissen abbeißt... Nichts von alldem geschah. Sam wackelte mit
seinen Zehen und wartete wieder. Es geschah immer noch nichts, also war keine eiskalte
Hand oder ein Gnom in der Nähe.
Erleichtert atmete er auf. Kein noch so hinterlistiges Monster kann so einem
auffordernden Zehenwackeln widerstehen. Seine Blase meldete sich wieder.
Dann geh ich eben aufs Klo, dachte Sam und schwang seine Füße aus dem Bett.
Ach ja! Das hieß ja nicht Klo, sondern Toilette! Kurz dachte er über den peinlichen
Moment am ersten Schultag nach, als er sich im Dunkeln auf den Weg zum Klo machte.
Das war am ersten Schultag. Ein toller Einstieg!!! Es war mitten in der ersten Stunde
und Sam, der an seinen großen Tag ziemlich aufgeregt war, hatte am Morgen zuviel
Tee getrunken.
"Ich muss mal schnell auf's Klo Pipi machen!" hatte er gerufen. Zuerst verstand er das
Gelächter gar nicht. Seine Lehrerin kam damals mit einem falschen Lächeln auf ihn zu
und tadelte laut, so laut, dass es auch ja jeder verstand: "Kinder! Habt Ihr das auch alle
gehört? Wenn ihr ein dringendes Bedürfnis verspürt, dann steht ihr auf, hebt die Hand
und sagt: "Frau Baumeister, ich muss mich erleichtern!"
Sie schaute auffordernd in die Runde und ließ die ganze Klasse fünf Mal wiederholen wie
man sich zu melden hatte, falls man ein‚ 'dringendes Bedürfnis' verspüre. Dabei musste
nicht die ganze Klasse sondern nur ich! dachte Sam. Und Dank dieser Schnepfe wusste
es nun die ganze Klasse! Sylvie auch! Gerade Sylvie! Vom ersten Tag an war er in Sylvie
verschossen. Mist!
Sam hatte sich schon im Dunkeln an seine Zimmertür getastet. Langsam drückte er
die Klinke nach unten und öffnete sie. Ich könnte ja das Licht anmachen, dachte Sam,
aber dann wecke ich meine Eltern auf. Die Geschwister auch. Die kleine Susi, die
nebenan im Zimmer schlief und immer die Tür auf hatte. Oder Sally, mit der gleichen
Macke. Die zwei konnten ohne offene Tür nie einschlafen. Typisch Mädchen! Sam
grinste in sich hinein. Ich bin kein Mädchen! Meine Tür kann über Nacht zu sein!
Leise und auf Zehenspitzen schlich er den Flur entlang. Die Toilette lag ganz am Ende.
Endlich war er da, drückte die Tür auf, knipste das Licht an und schloß schnell die Tür,
damit der Lichtschein nicht in den Flur fiel und die Anderen aufweckte. Sam's Füße spürten
die Kälte der Fliesen. Die Toilettenschüssel stand am Ende des Badezimmers, direkt unter
dem Fenster, was ihm logisch erschien. Wegen den Düften. Sam tippelte über die kalten
Fliesen in Richtung Schüssel und schaute dabei flüchtig in den übergroßen Spiegel an der Badezimmerwand.
Mitten in der Bewegung erstarrte er. Wie vom Blitz getroffen. Unfähig die Luft die er
eingeatmet hatte, wieder auszuatmen. Er starrte auf die Hände, nein, Klauen, die
behaarten Klauen, die sich langsam durch das Glas des Spiegels schoben. Den Gang zur
Schüssel konnte er sich sparen. Seine Blase entleerte sich in dem Augenblick, in dem
sein Gehirn realisierte was seine Augen sahen. Sam riss seine Augen auf und starrte auf
die Klauen die sich ihm langsam entgegenstreckten.
Kein Laut drang über seinen Lippen. Er keuchte und er sah das Ungetüm, das sich
langsam dem Spiegel von hinten näherte. Als ob eine Welt jenseits des Glases lag,
eine Welt die Ungeheuer gebar. Eine milchige Dimension aus der sich langsam eine
scheußliche Fratze näherte. Gelbe Augen ohne Pupillen inmitten einem fast menschlichen
Gesicht.
Aber nur fast menschlich. Entstellende Narben verunstalteten die Gesichtszüge, die eine
vergangene Schönheit vermuten ließ. Alles war irgendwie vergrößert, verzerrt und unwirklich. Die Haare hatten ein schmutziges Braun und wirbelten um seinen Kopf,
als würde auf der anderen Seite ein kräftiger Wind blasen.
Das Wesen schien Sam's Angst zu spüren, zu riechen, denn es verzog seinen Mund zu
einem teuflischen Grinsen. Es bleckte regelrecht die Zähne und Sam roch den verfaulten
Atem. Das tiefe Grollen das dumpf und drohend, wie durch Watte an sein Ohr drang, jagte
ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken. Es schüttelte ihn regelrecht durch.
Er zitterte, er schluchzte und sah die Klauen immer näher an sein Gesicht kommen, das
selbst zu einer angsvollen Fratze entstellt war.
Ich muss weg, muss schreien! Los ihr verfluchten Beine! Bewegt euch! dachte Sam verzweifelt
während ihm seine Angst noch immer in der lähmenden kalten Faust umklammert hielt.
Die Klauen kamen immer näher, er konnte sie regelrecht riechen und der entstellte Kopf
gebar sich vollständig durch den Spiegel.
Da, in dem Moment, als die schmutzigen Nägel sein Gesicht zerkratzen wollten, ließ sich Sam
nach hinten fallen. Endlich,endlich konnte er sich bewegen. Er fiel gegen die gegenüberliegende Wand, rutschte an ihr herunter, weil seine Beine ihn nicht mehr tragen wollten. Hauptsache nicht mehr in der Reichweite dieser Krallen, zuckte es durchs Sam's Gedanken.
Auf Knien kroch er Richtung Tür. Hinter ihm erklang ein dumpfes Beben.
Das Wesen hatte den Spiegel verlassen. Sam wollte sich nicht umdrehen, wollte nicht
hinschauen und tat es doch! Seine kindlichen Gedanken konnten nicht realisieren
was sie sahen. Kein Werwolf, kein Vampir erst recht kein Dämon oder Gnom. Ein Etwas.
Schwarze zerissene Kleidung schlotterten an dem Körper des Wesens. Eigentlich schien
er ein Mensch zu sein, wenn da nicht die außergewöhnlichen riesigen Hände und Füße
gewesen wären. Obwohl Sam diese Hände mehr als Klauen bezeichnen würde.
Die Finger überlang und globig, behaart und mit dunklen hornigen Nägeln. Klauen eben.
Sam kroch weiter. Er war schon kurz vor der Badezimmertür.
Das Menschtier kam immer näher.
Er spürte schon den warmen übelriechenden Atem in seinem Nacken und ihm war,
als würde es kichern. Kichern, weil es seiner Beute sicher war. Sam krallte sich an die
Türklinke, drückte sie runter und riss die Tür auf. Dann endlich schrie er. Schrie und warf
sich auf den Flur. Warf die Tür zu. Stemmte die Füße dagegen, im Irrglauben so das
Untier aufhalten zu können.
Da ging ein Licht an. Im Elternschlafzimmer. Sam schrie immer noch, aber man konnte
schon die Erleichterung darin hören. Sein Vater wird ihm helfen. Er musste es nicht mehr
alleine durchstehen. Schon fühlte er sich sicherer, obwohl sich das Untier nur jenseits der
Tür aufhielt. Denn das hier war bestimmt eine Sache für Erwachsene und nicht für
achtjährige Jungen. Sein Vater erschien an der Tür und schaute verschlafen in den Flur.
"Was ist denn mit dir?" murmelte er verschlafen.
"Papi! PAPI! Ein Ungeheuer! Im Bad!" "Du träumst bestimmt noch, mein Junge!"
beschwichtigte der Vater, schließlich kannte er auch die Zeit, bei der die Grenze
zwischen Realität und Traum noch sehr dünn war. "Was ist denn los?" rief nun auch
seine Mutter aus dem Elternzimmer. "Dein Sohn träumt mit offenen Augen!" rief er über
die Schulter. "Schon wieder?" "Blöde Erwachsene", dachte Sam. "Das ist kein Scherz!
Hört ihr es denn nicht?" schrie Sam. Seine Stimme überschlug sich. "Es wird uns alle töten!"
Jetzt erschien auch seine Mutter an der Tür. "Ach Sam, geh wieder....", setzte sie an
und in diesem Moment splitterte die Badezimmertür. Die Pranke krachte durch die Tür,
drehte sich, packte die angebrochenen Seiten und riss daran um das Loch zu vergrößern.
Leichenblass und starr vor Schrecken sahen seine Eltern diesem makaberen Schauspiel zu.
Sam schrie wieder, denn das Loch vergrößerte sich und der Kopf schob sich durch die Tür.
Die Schultern folgten und das Biest lachte. Lachte und knurrte. Sam war sich sicher,
falls er das überleben sollte, würde er es sein Lebtag nicht mehr vergessen.
Jetzt schrie auch seine Mutter, sein Vater stand immer noch leblos in der Schlafzimmertür
und Sam fragte sich, wann er ihn wohl retten wollte. "Helft mir doch!!!" rief er verzweifelt,
"Helft mir doch! Papiiiii!" Jetzt bewegte er sich endlich. Sein Vater würde ihn retten!
Da spürte er plötzlich einen heißen Schmerz! Sam blickte ruckartig über die Schultern.
Das Biest war durch die Tür gekommen und hatte seine Kralle in Sam's Bein geschlagen.
Das Untier grub seine Klauen noch tiefer ins Bein und mit der anderen holte es weit aus,
mit der Absicht den Jungen im Genick zu packen. Jetzt! Jetzt werde ich gleich sterben...
gleich ist es vorbei, dachte der Junge und sah den behaarten Arm. Sah ihn auf sich zukommen.
Immer näher. Immer näher...
Sam wachte auf. In seinem Bett. Unter der Decke. Schweißgebadet.
Sein Schlafanzug war klamm. Er zitterte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Benommen blickte er auf seine Donalduhr. Halb drei. Es war nur ein Alptraum!
Es war nur ein Alptraum, dachte Sam erleichtert. Seine Donalduhr hatte keine Zeiger,
sie hatte Ziffern. 2:30 stand es in leuchtenden Ziffern. Ein Traum.
Seine Mami hatte es ihm einmal erklärt. Wenn man tagsüber etwas Aufregendes erlebt,
verarbeitet es das Gehirn dann in der Nacht. Nur stimmen dann manche Dinge nicht.
Wie seine Uhr. Ach ja! Das Elternschlafzimmer liegt auch im zweiten Stock!
Sam lachte erleichtert. Das war ein Ding! Sam saß in seinem Bett und lächelte vor sich hin.
Er keuchte noch ein bisschen, war noch aus der Puste.
Was für ein Alptraum!
Ob er zur Sicherheit zu Mami und Pappi ins Bett schlüpfen sollte? Nur zur Sicherheit?
Schließlich ist man auch mit acht noch nicht zu alt um sich an seine Eltern zu kuscheln.
Erst recht nicht nach solch einen Traum. Sam schwang seine Beine aus den Bett und
drückte sofort seine Nacht-tischlampe an. Keine unnötige Rücksichtnahme mehr.
Und wenn seine Schwestern aufwachten? Pech!
Die Nachttischlampe erhellte sein Zimmer und vertrieb auch den letzten Schatten.
Er schaute sich nochmal sicherheitshalber um. Hinten in der Ecke? Nichts! Unter dem Bett?
Auch nichts! Na bitte! Sam ging an die Zimmertür, drückte sie auf und spähte in den Flur.
Auch nichts. Sein Bauch beruhigte sich ein bisschen. Aber nur ein bisschen.
Er verspürte noch ein dumpfes Ziehen.
Kein Wunder, dachte Sam, schließlich bin ich ja eben erst aufgewacht! So schnell geht
das auch nicht weg. Er drückte den Lichtschalter für den Flur, denn zum mutig sein
hatte er keine Lust mehr. Sam ging zur Treppe, die ins zweite tockwerk führte.
Da lag das Elternschlafzimmer.
Er dachte an die sichere Wärme seiner Mutter unter der Decke.
Er verspürte einen bekannten Druck im Unterleib. Jetzt? Jetzt auf Toilette?
Sam schüttelte sich. Unschlüssig stand er vor der Treppe und schaute zur Toilettentür.
Ach was soll's! War ja nur ein Traum gewesen. Er drehte sich um und ging schnurstracks
durch den Flur, öffnete die Tür, drückte das Licht an und betrat pfeifend das Badezimmer.
Sein Pfeifen klang heute besonders falsch und nicht so laut wie sonst. Eher zittrig.
Sam ließ gegen aller Gewohnheit die Tür offen, duchquerte den Raum und stellte sich
vor die Schüssel. Plötzlich lachte er über sich selbst. Gott was bin ich mutig!
Sein Lachen klang befreiend. Er kicherte sogar dann noch, als er seine Hose runterzog
um sich zu erleichtern. Kicherte und schüttelte über sich selbst den Kopf.....
Und hinter ihm drang eine Pranke durch den Spiegel......
(Verfasser unbekannt)